Montag, 25. Januar 2010

Surrogates

Surrogates ist kein Original. Der Film selbst ist ein Surrogat, eine Art glatt poliertes Billigmodell verdienstvoller Großtaten wie Blade Runner, Ghost In The Shell oder Strange Days. Wer also innovative Science-Fiction mit Tiefgang möchte, braucht sich diesmal nicht für einen Kinobesuch aufzuraffen. Wenn man allerdings Lust verspürt auf einen netten, nicht allzu blöden Sci-Fi-Actionthriller, oder einfach nur nicht genug kriegen kann vom „schönsten Schädel Hollywoods“ (a.k.a. Bruce Willis), darf man Surrogates ohne große Bedenken eine Chance geben.



Die nahe Zukunft in Surrogates unterscheidet sich nicht wesentlich von der Gegenwart: Menschen geben sich für etwas aus, was sie nicht sind, aber gern sein würden – nur machen sie das nicht in den Internet-Welten von Social Networking und Online-Gaming, sondern mit Hilfe lebensechter, maßgeschneiderter Replikanten, in die sie über eine stationäre Apparatur ihr Bewußtsein projizieren. Die Surrogaten-Technik ist, wie uns eine schicke Vorspann-Montagesequenz vermittelt, so populär und scheinbar auch so günstig, daß kaum jemand auf der Welt übrig ist, der sie nicht verwendet. Grundsatzverweigerer leben in abgeschotteten Ghettos und predigen von dort aus den revolutionären Umsturz. Ein faszinierendes Konzept, dessen weitreichende Implikationen im Film zugegebenermaßen nur angeschnitten werden. Grobe Logiklöcher klaffen unübersehbar an jeder zweiten Stelle, aber es wäre müßig, hier auf jede Ungereimtheit einzugehen – der Film stellt schon mit seiner trashigen Exposition klar, daß es ihm mehr um eine unterhaltsame Fahrt durch Genre-Konventionen geht als um intellektuellen Anspruch. Nach einem „Mord“ an einem Replikanten, der unerklärlicherweise zum tatsächlichen Mord an dessen Inhaber gerät, wird der konservative Cop Tom Greer (The Bruce) zum Tatort gerufen. Er wittert sofort eine das Trivialverbrechen übersteigende Verschwörung und macht sich daran, dieser auf den Grund zu gehen. Dabei legt der Film seinen Schwerpunkt auf Actionsequenzen, von denen manche gelungen sind und manche weniger. Eine Verfolgungsjagd in einem surrogatfreien Viertel, in der Greer die Konstitution und Widerstandsfähigkeit seines eigenen Ersatzkörpers unter Beweis stellt, ist dynamisch und mitreißend. Eine andere Verfolgungsjagd (diesmal auf Rädern) erweist sich als ziemlich ungeschicktes CGI-Debakel. Aber im Großen und Ganzen verhindert das Tempo des Films, daß einzelne inszenatorische Ausrutscher das Gesamtbild allzusehr runterziehen. Dieses ist mit einer gleichmäßigen, sterilen I-Robot-Ästhetik ausgestattet, die weder positiv noch negativ auffällt, aber dem Motiv „Seelenlose Künstlichkeit“, das der Film sich auf die Fahnen geschrieben hat, durchaus angemessen erscheint.



Im Zuge der Plotentwicklung werden elementare Fragestellungen der Jetztzeit aufgeworfen, wenn auch nicht weiter ausgearbeitet. So z.B. der Diskurs Überwachungsstaat: Jeder Replikant kann angezapft werden und dem Hacker so eine Direktübertragung der Ich-Perspektive des jeweiligen Nutzers übermitteln, und die Regierung macht sich das natürlich zunutze. Oder die gegenläufige Frage der Anonymisierung: In einer Welt der Täuschung ist böswilliger Mißbrauch falscher Identitäten ein Kinderspiel. Auch wenn die Auflösung dieser Problematiken in Surrogates teilweise etwas lächerlich wirkt, die Hauptsache ist, daß sie überhaupt ausgesprochen werden. In Filmen dieser Art (also Filmen, die von vorneherein keine großen Ansprüche auf Seriosität stellen) sind mir plumpe Allegorien lieber als gar keine – gerade durch ihre Unvollkommenheit und Oberflächlichkeit regen sie Zuschauer, die womöglich gar nicht erwartet haben, auch nur irgendwie gefordert zu werden, dazu an, diese weiterzudenken und die Lücken mit eigenen Überlegungen zu füllen. Was kann man mehr von einem Film wie Surrogates verlangen?

Fazit:

Ein kurzweiliger, leicht trashiger Sci-Fi-Thriller mit Bruce Willis, der stets mit einem Fuß am Gas bleibt, während er mit dem anderen lose gesellschaftskritische Steine ins Rollen bringt. Keine Meisterleistung, aber ein absolut vertretbarer Genre-Beitrag, der mit der Plakativität seiner Ideen ganz gut umzugehen weiß.

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